Pressestimmen

Der Wimpernschlag des Augenblicks

Seil, Netz und doppelter Boden in Britta Schulz' Gedicht "Bound"

von Christoph Leisten in Federwelt Nr.60 Oktober/ November 2006

Bound

Manchmal gelingt es
ohne Seil zu fesseln,
jemanden zu binden,
ohne ein lautes Wort,

um dann

ein Netz zu spinnen,
aus Träumen und Wünschen,
ohne darin gefangen zu sein

und

einen Augen-Blick einzufangen,
in dessen Wimpernschlag,
sich das ganze Sein wiederfindet.

Manchmal gelingt es UNS !


Alle gelungene Poesie birgt ein Geheimnis. Vielleicht ist es ihr eigentlicher Zauber, dass sie
etwas Unbeschreibliches vorzeigt und zugleich wieder zum Verschwinden bringt, dass sie für
einen Moment Funken sprühen lässt, die wir noch nie gesehen haben, und: dass man ihr nicht
ansieht, wie und warum ihr dies gelingt.

Britta Maletz' vorliegendes Gedicht redet vom ersten bis zum letzten Vers in einer ungeheuren
Dezenz vom Gelingen. Schon der Auftaktvers hebt an in der Schwebe zwischen Klarheit und
Geheimnis. Vordergründig eine fast alltägliche Wendung aufgreifend, öffnen die Worte den Raum
ins Unwägbare: "Manchmal gelingt es". Was wir vielleicht mitunter so dahinsagen mögen, wird
hier ins Offene gewendet, sodass ganz leise Fragen nachhallen: Was heißt hier "manchmal" ...
und was ist dieses "es"? - Die weitere Gestaltung der ersten Strophe scheint darüber Auskunft zu
geben, indem sie von einem Fesseln redet, das "ohne Seil" geschehen könne, von einem Binden
"ohne ein lautes Wort". Hier klingt die Beziehung zwischen zwei Menschen an, eine Begegnung,
die unwillkürlich und ungeplant zu binden, zu ver-binden vermag. Von "jemand" ist die Rede, von
einem Gegenüber, das auf unerklärlich-leichte Weise eingefangen zu werden scheint. Dass dies
offenbar auch mit Sprache zu tun hat, kommt vorerst ganz subtil im Hinweis auf die fehlenden
"laute(n) Wort(e)" zum Ausdruck.

Der Zwischenvers - "um dann" - lässt erwarten, nun erfolge die Angabe einer Zwecksetzung, etwa:
was jetzt mit dem derart Gebundenen geschehen solle, wozu es dienen könne. Doch weit gefehlt!
Die zweite Strophe treibt die Reflexion vielmehr in eine andere, überrraschende und zugleich
paradoxale Richtung, indem sie nun - nachdem doch bereits gebunden ist - die Phantasie
entwirft, "ein Netz zu spinnen", also auch: die Bindung kunstvoll immer weiter und weiter zu
treiben. Mit dem Motiv des Netzes entfernt sich die Bildlichkeit von der Vorstellung der bloßen
Bindung eines Gegenübers; sie wechselt gewissermaßen die Blickrichtung, indem sie nunmehr
vom Gemeinsamen redet, das einem Gespinst "von Träumen und Wünschen" gleichen möge,
"ohne darin gefangen zu sein". Gerade diese letzte Formulierung ist auf die beidseitige
Verbindung der Individuen, aber auch auf das sprechende Ich selbst zu beziehen. Dieses Ich, das
vormals von der Bindung seines Gegenübers sprach, betont nun die Freiheit: für den anderen, für
die Beziehung, und auch für sich selbst.

Die Konjunktion "und" bringt den Zusammenhang auf den Punkt. Es ist von der Verbindung
zweier Wesen die Rede, einer Verbindung aus lauter Freiheit, die, wie die dritte Strophe zeigt, in
einem "Augenblick" eingefangen ist. Aber damit nicht genug: Geschickt wenden die Verse dieser
Strophe den Blick vom Privaten in einen universalen Raum. Der "Wimpernschlag" dieses
Augenblicks (ein bemerkenswertes Bild von höchster Konkretion) birgt eben nicht nur diese
Zweisamkeit, sondern die ganze Welt; es ist ein Wimpernschlag, in dem "sich das ganze Sein
wiederfindet".

Gedichte sind Weltmomente, in denen ein Ich "durch rückhaltlose Versenkung in Eigene
paradoxerweise das Allgemeine sagt", wie Joachim Sartorius ausführt. Genau dies geschieht in
den vorliegenden Versen. Die Realien dieses leisen Poems - "Seil", "Netz" und "Wimpernschlag" -
spannen einen Bogen in immer tiefere, präzisere Konkretion, um schließlich genau daraus ihre
Weltaussage zu schöpfen. Subtil klingt in der Benennung der immer feiner werdenden
Stofflichkeiten an, dass sich die gesamte Bildlichkeit auch auf den Prozess des Dichtens selbst
beziehen lässt: Wie die menschliche Begegnung, so ist auch der poetische Prozess ein
(Draht-)Seilakt, in dem sich das konventionelle Bild einer schwebenden Ballance ohne Netz und
doppelten Boden umkehrt und zuspitzt:

Das Seil, das die Menschen zueinander führen und die Wörter im Gedicht miteinander verbinden
kann, bleibt unsichtbar, und darunter entfaltet sich auf subtile Weise ein bergendes Netz und
eine Doppelbödigkeit, die alle Widersprüche aufhebt, wenn die Balance des Miteinanders gelingt.
- In Britta Maletz' Gedicht ist dies der Fall, leise und leicht, aufhebend und bewahrend einen
Zustand der Versöhnung, wie nur Poesie - gebundene Sprache - ihn schaffen kann, letzlich zu
unserem Glück, auch wenn es geheimnisvoll bleiben muss und bleiben darf.