Prosa

Ein Tag

Pünktlich wie jeden Morgen klingelte der Wecker. Sie brauchte gar nicht erst hinschauen. 6 Uhr, alles war still. Langsam stand sie auf und ging in die Küche.
Jeden Morgen das gleiche Ritual. Aufstehen, in die Küche gehen, Wasserkocher anstellen und dann ins Bad.
Jeden Morgen, 365 Tage im Jahr, das gleiche Bild im Spiegel betrachten, das sich doch so veränderte.
Jeden Tag ein wenig älter werden und neue Falten sehen. Sie seufzte und wusch sich den Schlaf aus den Augen. Noch ein tiefer Seufzer. Schon wieder mehr graue Haare. Irgendwann würde sie sich wohl die Haare färben müssen. Sie band sich einen Zopf, versuchte mühsam zu lächeln.
Anschließend der Gang in die Küche. Erst einmal Kaffee kochen, den wundersamen Duft inhalieren. Sie fühlte sich wie jeden Morgen – einfach nur müde.

Nicht, dass ihr nur der Schlaf fehlte, nein, ihr fehlte der Antrieb, die Freude – Freude? Worauf? Auf diesen neuen Tag, der wieder wie jeder andere würde?
Brote schmieren. Wie jeden Tag würden sie liegen bleiben und auch der Tee würde in der Tasse erkalten – ungetrunken. Immer diese Wiederholungen.
Der Gang zum PC. Anschalten – einloggen – mails abrufen. Manchmal störte sie das laute Geräusch des Ventilators. Manchmal drehte sie sich auch furchtsam um, weil sie fürchten musste, dass er wach würde. Manchmal war es ihr egal.

Der Blick zur Uhr deutete ihr an, dass sie ihr Kind wecken musste, pünktlich 7.15 Uhr. Jeden Tag freute sie sich auf das Wochenende, an dem sie das Murren nicht hören und ertragen musste. Keine Diskussion über die Notwendigkeit des Lernens, sondern einfach nur Ruhe.
8 Uhr, das Kind aus dem Haus und es kehrte leichte Ruhe ein. Nur sein leises Schnarchen war zu hören, oder das Rascheln der Bettdecke, wenn er sich umdrehte. Termine? Was liegt heute an? Muss sie ihn wecken – früher als sonst? Nein, alles im grünen Bereich. Keine Termine, kein frühes Wecken, kein Stress.

Hausarbeit und ein ärgerlicher Gedanke, dass sie seinen Dienst übernehmen musste, wenn sie nicht im Chaos ersticken wollte. Also spülte sie. Die Fenster hätten es auch wieder nötig, also putzte sie diese. Wäsche waschen. Schon wieder so ein Berg zum sortieren und bearbeiten. Alles, was sie tat war ordentlich geplant. Sie wollte es doch schön haben – für ihn, für Freunde, vielleicht ein wenig für sich selbst. Sie brauchte diese Ordnung, um die Unordnung in sich selbst zu überdecken. Das war ihr klar, klarer als so viele Dinge in ihrem Leben. Ordnung musste sein!

Oft überlegte sie, wo die Highlights im Leben waren. Freunde treffen? Ausgehen? Immer wieder spürte sie eine Spur der Traurigkeit, weil ihr etwas zu Fehlen schien. Sie verdrängte es, setze andere Prioritäten. 10 Uhr, oder war es schon 11 Uhr? Er wurde wach. Kaffee ans Bett bringen. Seinen Computer einschalten. Belanglose Worte, dann Schweigen. Eigentlich hasste sie ihn dafür – jeden Tag, aber sie wollte nicht ungerecht sein. Er tat ja auch viel für sie – fuhr mit ihr einkaufen, nahm sie manchmal in den Arm. Selten schlief er noch mit ihr. So atmete sie noch einmal tief durch, überließ ihn dem Computer und machte sich daran das Mittagessen vorzubereiten.
Gegessen wurde am frühen Nachmittag, gegen 16 Uhr. Niemals musste sie sich beeilen. Im Gegenteil, immer blieb ihr Zeit für Menschen, die gerade ihrer Hilfe bedurften, ein Telefonat, eine mail. Es war ihre Abwechslung im täglichen Einerlei. In solchen Momenten hatte sie das Gefühl wichtig zu sein, dass man sie brauchte. Jeden Tag ein winziges Stück Glücksgefühl, Stolz.

18 Uhr und wie jeden Tag ging sie zum Kühlschrank. Zeit für den ersten Wein, Zeit für das langsame Entrinnen aus ihrem Gedankenchaos. Immer wenn sie den ersten Schluck zu sich genommen hatte spürte sie, wie sich wohlige Wärme in ihr ausbreitete. Dunkle Gedanken wichen und manchmal ertönten seltsam glucksende Geräusche aus ihrem Mund. Dann schämte sie sich fast ihrer Fröhlichkeit, wurde ernst und still. Sie weinte immer heimlich, meist in sich hinein. Niemals wollte sie andere mit ihrem Kummer behelligen. Ihr ging es doch gut. So vertrödelte sie den Abend. Ein wenig fern sehn, etwas am Computer sitzen, bis ihre Zeit kam. 23.30 Uhr. Zeit, um ins Bett zu gehen.
Sie war müde. Immer noch, oder schon wieder? Niemals hätte sie darauf eine Antwort geben können. Sicher würde er sich bald von seinem PC verabschieden. „Bald, ganz bald“, dachte sie jede Nacht.
Vielleicht konnte sie noch ein wenig seine Nähe spüren. Wahrscheinlich wollte er mehr. Sie würde es für ihn tun. „Selbstaufgabe“, dachte sie manchmal. Schon wieder ein neuer Tag, wenngleich auch mitten in der Nacht. Einfach mal schlafen, nichts Denken, träumen.
Manchmal war sie schon vor dem Klingeln des Weckers wach. Manchmal? Und dann begann das gleiche Ritual von vorn. Wie jeden Tag…

 

Frau ohne Namen

Wieder eine Nacht, in der sie erwachte – allein.
Sie versuchte durch die Dunkelheit zu erkennen, wie spät es war. Die Leuchtziffern des Weckers zeigten 2.45 Uhr an. Eigentlich war sie müde, doch sie wusste, dass sie jetzt nicht mehr schlafen konnte. So stand sie auf und ging barfuss ans Fenster. Sie fröstelte leicht. Es war kühl geworden, die Nächte lang.
Heute war wohl eine besondere Nacht, denn der Mond schien ins Fenster und das Licht schmiegte sich sanft um sie. Ihr langes Haar fiel wie ein Wasserfall um ihre zarte Silhouette. Ihr eigener Schatten an der Wand ließ sie nicht allein sein. Sie lächelte versonnen, als sie aus dem Fenster sah und ihre Gedanken glitten in die Ferne.

Es war ein sonnig-kühler Abend. Bereits über Stunden hatten sie sich SMS geschrieben. Sie war bei Freunden und er allein zu hause. Eigentlich wollte er auch allein sein, aber sie drängte ihn förmlich zu einem Treffen. Sicher hatte er geglaubt, sie würde sich nicht auf den Weg machen, ihn zu sehen. Sie wusste, dass er sie unterschätzen würde und er hatte ja keine Ahnung von ihren Gefühlen ihm gegenüber.

Als sie sich endlich gegenüber standen, waren sie unsicher. Verhalten begrüßten sie sich und saßen später auf verschiedenen Sofas, tranken Wein. Eigentlich hatte sie ja vor dem Treffen schon genug getrunken, aber sie hatte Angst. Sie wollte nicht versagen. Erst sahen sie fern. Irgendein Fußballspiel, das im Fernseher lief. Sie hatte ja keine Ahnung, aber sie wollte ihn nicht in seinem Abendablauf unterbrechen. Viel später erst, nachdem das Spiel beendet war und sie noch mehr Wein getrunken hatten, gingen sie in seinen Garten. Eine wundervolle Ruhe umgab sie. Der Fischteich plätscherte leise vor sich hin. Selbst die Geräusche der Autos schienen unendlich weit entfernt. Sie zündete sich eine Zigarette an, weil sie in seinem Haus nicht rauchen wollte. Er war ja Nichtraucher – seit Jahren. Und sie hörten Musik… laut - aus der Dolby Surround Anlage.

Sie war fasziniert, von ihm und dieser Musik. Schläfrig lehnte sie sich auf dem Sofa zurück.
Als er sie fragte, ob sie müde sei, bejahte sie es.
Ohne weitere Worte holte er die Matratzen aus dem Schlafzimmer und legte sie auf den Boden im Wohnzimmer. Graue Satinbettwäsche unterstrich die Kühle der Situation. Es war ihr egal. Sie wollte schlafen – in seiner Nähe. Nur ein Mal noch. Sie erinnerte sich daran, dass sie sich mechanisch auszog und mit Slip und BH bekleidet hinlegte. Sie spürte seine Nähe, wollte ihn spüren und so tastete sie sich vorsichtig an seinen Körper heran. Er war so warm, duftete wundervoll männlich. Sie berührte sanft deinen Bauch, hörte sein tiefes Einatmen. Langsam ließ sie ihre Hände hinab gleiten und fühlte seine Erregung. Noch immer spürte sie seine Hände, die sich vorsichtig ihrer Brust näherten und sanft über die Nippel glitten. Sie küssten sich wie zwei Ertrinkende, hielten sich fest, brachen alle Dämme der Fremdheit.
Immer heftiger wurde dieses Spiel, bis hin zur völligen Ekstase. Sie liebten sich ohne Pause, ohne den anderen zu schonen.

Sie dachte an den nächsten Morgen, an dem sie im Morgengrauen erwacht war. Sie hatte sich im Esszimmer auf den Boden gesetzt, das Gesicht dem Garten zugewandt. Eine Zigarette und eine Tasse Kaffee in der Hand haltend sah sie versonnen nach draußen – fühlte die Nacht, den erwachenden Morgen seine Hände und Lippen, die ihren Körper liebkosten. Und noch immer klangen seine letzen Worte in ihren Ohren: „Du hast deinen Platz hier gefunden, nicht wahr?“

Ein letzter Blick zur Uhr. 4.45 Uhr – Zeit für sie zu gehen.
Mit müden, aber entschlossenen Schritten ging sie zu ihrem Kleiderschrank und suchte nach dem Kleid, das sie damals getragen hatte. Der leichte Stoff ließ sie kurzfristig erschauern, aber irgendwie machte sie der Gedanke glücklich, dass sie es nun noch einmal tragen würde. Sie lächelte, während sie langsam zu ihren CD-Player ging und jene CD einlegte. Die CD, die sie gemeinsam gehört und während der sie sich geliebt hatten.
Sie dachte an ihn, an jenen Mann, den sie liebte, wie niemanden zuvor. Jener Tag im Spätsommer, jene Nacht die sanft begann und so kühl endete, wie diese Nacht. Ihm galten ihre letzten Gedanken und ihre letzte Frage, ob er wohl auch jetzt allein war.
Sie schalt sich eine Närrin, denn er war niemals allein und er hatte sie auch niemals geliebt. Sie wusste es, denn da war eine andere Frau gewesen. Sie erfuhr es erst viel später.
Wieder musste sie lächeln. War es nicht egal, ob er jemand anderen liebte? Sie würde nun finden, was sie lange gesucht hatte, dessen war sie sich sicher. Schon hunderte Male hatte sie diesen Gedanken gehabt, aber immer wieder verworfen. Aber heute - heute war diese Nacht. Die Nacht, in der sie endlich verbunden sein würde mit ihrer Liebe und der Endlichkeit. Jetzt sollte sie kommen. In diesem Moment trank sie ihren Cocktail.
Endlich war sie da. Sie fühlte diese Ruhe und das sanfte Entgleiten in einen tiefen, seligen Schlaf. Lächelnd…

Nachdem man sie gefunden hatte murmelten einige betroffen: „Das ist die Frau aus dem dritten Stock. Sie war wohl allein.“